Die Zauberflöte

Der Königin der Nacht wurde ihre Tochter Pamina entführt. Prinz Tamino macht sich eher unfreiwillig auf den Weg, um sie zu befreien. Auf seinem Weg trifft er dabei auf den Vogelfänger Papageno und anderer wundersame Gestalten. Bevor er die Geliebte in seine Arme schließen kann, warten lebensgefährliche Prüfungen auf ihn.


Hinter den Kulissen von der 'Zauberflöte'

von Filip Chudzinski

Papageno übertreibt keinesfalls, als er bei seinem ersten Auftritt froher Laune verkündet: 'Ich Vogelfänger bin bekannt bei Alt und Jung im ganzen Land', denn schließlich gehört die 'Zauberflöte' von Wolfgang Amadeus Mozart zu jenen zeitlosen, klassischen Werken, die global in unendlich vielen Inszenierungen eine stets wachsende Zahl von Zuschauern in ihren sagenhaften Bann zieht. Nun gehört diese Oper auch zum Repertoire der Faster-Than-Light-Dance-Company. 'Warum auch nicht? Die Oper bringt eine Fülle von Möglichkeiten, hat fantasy-ähnliche Handlungsbrocken und ist für breite Publikumsgruppen ansprechend.', erklärt Volker Eisenach. Mit Darstellern der FTL1 und FTL2 feierte am 8. April 2000 auf der Studiobühne des ATRIUM das Tanz-Theater in einer neuen Interpretation seine Uraufführung. Und auf eine bestimmte Art und Weise scheint nicht alles so zu sein, wie es einmal war.

Einige ausgediente Vogelkostüme, die nutzlos im Fundus herumlagen, sollen Emanuel Schikaneder auf die ersten Ideen für die 'Zauberflöte' gebracht haben. Und auch sonst ließ sich der routinierte Wiener Vorstadttheaterdirektor ersichtlich von vielen Quellen inspirieren, als er das erste Libretto für sein neustes Werk schrieb. Strotzt das Libretto aus diesem Grund nur so von Ungereimtheiten, sollte die Musik doch letztendlich in den Augen vieler Kritiker weit über die Qualität des Inhalts hinauswachsen. Mozarts erste Begegnung mit der 'Zauberflöte', deren Auftrag ihm Schikaneder persönlich erteilte, fällt in den März des Jahres 1791. Zur gleichen Zeit arbeitete er u. a. am 'Titus', dem 'Requiem' und seinem letzten Klavierkonzert und weil ihm das Textbuch gänzlich gefallen hat, komponierte er mit großem Vergnügen. Als der erste Akt fertig war, stellte sich jedoch heraus, dass Marinelli im Konkurrenzunternehmen ein gleichartiges Stück mit dem Titel 'Kaspar der Fagottist oder Die Zauberzither' aufführte. Bedenkenlos und mit dem Ziel seine Konkurrenten auszustechen, änderte Schikaneder die Handlung des zweiten Aktes, woraus sich auch der seltsame Bruch in der teils verwirrenden, aber doch noch märchenhaften Geschichte erklärt. Und genau jener komplexen und umfangreichen Geschichte, die an dieser Stelle nicht ausgeführt werden soll, hat sich die FTL angenommen, um sie als reines Tanz-Theater zu inszenieren.

Da die Oper - pauschal betrachtet - auf einzelnen, aufeinanderfolgenden Arien der Hauptfiguren aufgebaut ist, stand der künstlerische Leiter des Ensembles, Volker Eisenach, bei der Umsetzung der Oper in ein pures Bewegungstheater für insgesamt dreiundzwanzig Darsteller zuerst vor einigen Hindernissen, die er jedoch bald mit künstlerischer Kreativität geschickt zu umgehen wusste. Zudem sollten neue Ideen das ursprüngliche Libretto bereichern um kein weiteres Ebenbild anderer Inszenierungen zu schaffen, sondern etwas Neues zu formen, was aber auch auf langfristige Sicht nicht ermüdend oder eintönig wirkt.

'Auf Sprachtexte wurde komplett verzichtet - einerseits um dem Stück eine weitaus angenehmere Länge zu geben, andererseits um die Möglichkeit zu erhalten, die neuen Handlungsideen einzubauen, die unter Beibehalt der Sprachtexte nicht möglich gewesen wären. Viele Arien konnten durch Weglassen der Texte umgedeutet werden. Dadurch wird ein gesangliches Duett nicht immer nur von zwei Personen als Pas-de-deux getanzt. Es entstand dadurch die Möglichkeit, die Tanzgruppe in einem weitaus stärkerem Maße in die Handlung mit einzubeziehen', schreibt Volker Eisenach über die ersten notwendigen Veränderungen. Doch nicht nur Kürzungen und Umdeutungen begleiteten den langen Entstehungsprozess der Produktion, auch inhaltliche Veränderungen sollten der 'Zauberflöte' zu neuem Glanz verhelfen.

'An der Geschichte wurden einige Veränderungen vorgenommen, da diese mir nicht mehr als zeitgemäß erschien.', führt Volker Eisenach weiter aus. 'Der von Schikaneder als 'Held' konzipierte Prinz Tamino wirkte meiner Meinung nach wenig überzeugend, wenn seine ersten Worte 'Zu Hilfe! Zu Hilfe!' sind und er schon eine Minute nach seinem ersten Auftritt in Ohnmacht fällt. Weitere Handlungsstränge erschienen mir außerdem aus heutiger Sicht mehr als frauenfeindlich, sodass es mich sogar als Mann massiv gestört hat. Prinzessin Pamina wirkte auf mich keineswegs hilflos, besonders nachdem sie als erste Handlung auf der Bühne einen Fluchtversuch unternommen hat. Aus diesen beiden Gründen wurden die beiden grundlegenden Eigenschaften der beiden Hauptpersonen miteinander vertauscht und etwas übertrieben dargestellt.'

In diesem Zusammenhang geschah es auch, dass das ursprüngliche Bild von Papageno mit weitaus maskulineren Attributen bereichert wurde und jener Vogelfänger nicht nur rege den nun eher samtartigen und zartfühlenden Tamino auf seinem doch so beschwerlichen Weg begleitet, sondern neben Papagena auch das Herz einer anderen Dame erobert. 'Eine der größten Änderungen in der Handlung ist die Liebesbeziehung von Pamina und Papageno, die ich spannend und logisch finde', schließt Volker Eisenach seine Ausführungen über Abweichungen vom Original ab.

An anderer Stelle musste überlegt werden, mit welchen Hilfsmitteln die Oper inszeniert wird. Sowohl die Kostüme als auch das Bühnenbild sollten die jeweilige Materie und Atmosphäre der Figur oder Szene charakterisieren, mussten jedoch auch gleichzeitig - im Gegensatz zu einer gewöhnlichen Operninszenierung - den Tänzern und Darstellern genügend Bewegungsfreiheit bieten, sich bei den Choreographien frei entfalten zu können. Aber auch anderen Ansprüchen mussten die besagten Motive entsprechen: 'Beides soll einerseits vielseitig sein, um über zweieinhalb Stunden lang interessant zu sein und zu bleiben, andererseits muss es kostengünstig sein, aber nicht billig aussehen. Daher gibt es keine gemalten Kulissen, da uns dafür die Gelder fehlen, außerdem auch Handwerker, die sie gut genug anfertigen können. Da die 'Zauberflöte' der FTL ein Tanz-Theater ist, war außerdem eine möglichst große freie Fläche erforderlich, damit alle Tänzer ausreichend Platz finden würden. Auf die normalen Bühnenpodeste des ATRIUM wurde fast vollständig verzichtet, da durch das Weglassen die Fläche einerseits vergrößert werden konnte, andererseits die Bewegungen der Tänzer nicht mehr akustisch durch den hölzernen Unterbau der Bühne verstärkt werden', erklärt Volker Eisenach.

So entstand eine Inszenierung, die einzelne, für sich oft recht einfache Requisiten der Produktion in unterschiedlichster und stets wechselnder Form mehrfach zweckverfremdet und so unaufhaltsam neue Bilder entstehen lässt. Aus einem z. B. handelsüblichen Tarnnetz wird mit ein wenig Hilfe von tausenden Pailletten und einigen Kilometern Zackenlitze erst ein geheimnisvoller Vorhang, später das Objekt eines Verbrechens und schließlich dann dank einer harmonisch wandelbaren Tanzgruppe gar eine unheilschwangere Schlange. Aber auch Schattenwände, die sich scheinbar unberührt von der Decke lösen und verschiedenartige Formen annehmen und Schwarzlicht - als Eigenart der drei Knaben - illustrieren die Geschichte einer anderen Welt. Und wo Requisiten nicht ausreichen, entstehen mit Hilfe der Gruppe neue Orte und Bühnenbilder, in welchen die Darsteller in edlen, von Hand genähten und charakterbetonenden Kostümen umherziehen.

Wird die Geschichte auch mit allen Besonderheiten erzählt, bleibt jedoch schließlich die Wirkung der Musik auf das Publikum im Ungewissen. Auch wenn die 'Zauberflöte' eine sehr eingängige Oper ist, erweckt diese Art klassischer Werke nicht immer die Sympathie jedes Zuschauers. Die Darsteller haben sich bereits von der besonders hohen Qualität der Oper oft überzeugen können und im Laufe der Proben sehr viele musikalisch bemerkenswerte und schöne Stellen gefunden, aber dieser Vorgang nimmt Zeit in Anspruch, die der Zuschauer während der einhundertvierzig Minuten dauernden Aufführung nicht hat, zumal auch die Texte beim ersten Mal stellenweise nur schwer verständlich sind.

Vielleicht aber werden sich die Zuschauer einfach von den Bewegungen, der Musik und den Emotionen der Inszenierung leiten lassen und über die Abenteuer der etwas anderen Helden sinnen, denn das Zusammenwirken der Musik mit den Choreographien erzählt die Geschichte einer anderen, märchenhaften Welt.

 

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